Geschichte

Als Adolf Harnack 1890 in die Akademie aufgenommen wurde, hielt Theodor Mommsen die Begrüßungsrede, in der er die an Harnack gerichteten Erwartungen der Akademie klar aussprach:

„Auch die Wissenschaft hat ihr soziales Problem; wie der Großstaat und die Großindustrie, so ist die Großwissenschaft, die nicht vom Einem geleistet, aber von Einem geleitet wird, ein notwendiges Element unserer Kulturentwicklung, und deren rechte Träger sind die Akademien oder sollten es sein. Als einzelner Mann haben Sie in dieser Richtung getan, was wenige Ihnen nachtun werden. Jetzt sind Sie berufen, dies im größeren Verhältnisse weiterzuführen“.

Zeichnung von Emil Stumpp, 1926

Zeichnung von Emil Stumpp, 1926

Sogleich ging Harnack gemeinsam mit Mommsen daran, die „Kirchenväterausgabe“ als akademisches Großunternehmen zu installieren. Die Aufgabe war rein historisch gefasst. Es sollten, entsprechend der von Mommsen seit längerem erhobenen historisch-wissenschaftlichen Forderung, die „Archive der Vergangenheit“ zu ordnen, „alle litterarischen Denkmäler des ältesten Christenthums von seiner Entstehung bis zur Begründung der Reichskirche durch Konstantin (abgesehen von dem Neuen Testament und den lateinischen Quellenschriften) herausgegeben werden“ (so in der Eingabe an das Ministerium). Es war eine wesentliche theologiegeschichtliche Einsicht Harnacks, dass die Zeitspanne zwischen der Entstehung des Neuen Testaments und dem Anfang des 4. Jahrhunderts als eine Epoche eigenen Rechts anzusehen sei, als die formative Epoche der Christentumsgeschichte, in der das Christentum in die Welt eintritt und säkulare Bedeutung annimmt. Insofern entsprach die Begrenzung auf die ersten drei Jahrhunderte im griechischen Sprachbereich, wie es der Titel der Reihe zum Ausdruck brachte, nicht ausschließlich pragmatischen Beweggründen, so gewiss das auch der Fall war, sondern vorrangig historischen Gesichtspunkten.

Zur Realisierung dieses Planes arbeiteten Harnack und Mommsen Hand in Hand. Mommsen stellte bei der Akademie den Antrag, sich dieser Aufgabe zu widmen; Harnack formulierte die von der Akademie befürwortete Eingabe an das Ministerium; und beide nutzen ihre Kontakte zu Friedrich Althoff, um die Aktionen vorab zu besprechen. Nachdem die ministerielle Bewilligung der Eingabe erteilt war, setzte die Akademie im Februar 1891 eine Kommission zur Herausgabe des geplanten Corpus ein. Zugleich beauftragte sie Harnack, als Prolegomena eine möglichst vollständige Übersicht über den gesamten Bestand und die Überlieferung der altchristlichen Literatur bis zum Beginn des 4. Jahrhunderts zu entwerfen, wie er es selbst, um ein sicheres Urteil zu ermöglichen, vorgeschlagen hatte. Der neu konstituierten sog. Kirchenväterkommission gehörten neben Mommsen und Harnack als dem Geschäftsführenden der klassische Philologe Hermann Diels und der Orientalist August Dillmann, dazu als nichtakademische Mitglieder der Bibliothekar und Theologe Oskar von Gebhardt und seit 1893 der Patristiker Friedrich Loofs an. Mommsens Schwiegersohn, der klassische Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff wurde 1897 aufgenommen, später folgten Adolf Jülicher, Otto Seeck, Karl Holl, Eduard Norden, Hans Lietzmann, Werner Jaeger und andere (nach Harnacks Tod auch E. Schwartz).


Adolf von Harnack

Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Fotosammlung, Personen, Adolf von Harnack , Nr. 1, Fotograf: Rudolf Dührkoop;

Hermann Diels

Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Fotosammlung, Personen, Hermann Diels, Nr. 1, Fotograf: Hermann Noack

August Dillmann

© Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, Porträtsammlung: August Dillmann

Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff

Archiv der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Fotosammlung, Personen, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, Nr. 1, Fotograf: Rudolf Dührkoop

Finanziell hatte die Kommission anfangs einen unsicheren Stand. Für die ersten drei Jahre gewährte das Ministerium eine bescheidene Unterstützung, doch aus dem regulären Etat der Akademie erhielt sie keine Mittel. Als sich danach die Situation prekär zuspitzte, setzte Mommsen noch einmal seine ganze Reputation ein, um gemeinsam mit Harnack den Fortbestand des Vorhabens vorerst zu ermöglichen. Doch erst als die Hermann und Elise geb. Heckmann Wentzel-Stiftung im Jahre 1896 die weitere Finanzierung dank gezielter Anstrengungen Harnacks und Mommsens zusagte, hielt Harnack das Unternehmen für „nun dauernd fundiert“ (so der Eintrag im Protokollbuch). So konnten aus den Mitteln Bibliotheksreisen, Handschriftenkollationen, Kosten der Hauptredaktionen sowie ggf. auch Honorare und sonstige Betriebskosten bestritten werden. Harnack gelang es darüber hinaus 1900, die Einrichtung einer Stelle eines wissenschaftlichen Beamten durch den preußischen Kultusminister zu erwirken; die Stelle wurde mit dem Koptologen Carl Schmidt besetzt. Eigene Diensträume hatte die Kommission keine, ihre Akten befanden sich bei Harnack in seiner Privatwohnung. Der Schriftverkehr unter den Mitgliedern wurde anfangs per Umlauf abgewickelt, soweit anstehende Fragen nicht mündlich erledigt worden waren, erst ab 1897 fanden die jährlichen Kommissionssitzungen in Harnacks Wohnung in der Fasanenstraße 43 statt, über die das von Harnack geführte und noch heute vorhandene Protokollbuch Auskunft gibt.


Protokollband von Harnack, Bl. 1

Archiv der BBAW, Arbeitsstelle Kirchenväterkommission, Nr.1, Protokollband von Harnack, Bl. 1 (1. Sitzung vom 20. März 1897)

Protokollband von Harnack, Bl. 2

Archiv der BBAW, Arbeitsstelle Kirchenväterkommission, Nr.1, Protokollband von Harnack, Bl. 2 (1. Sitzung vom 20. März 1897)

Im Wesentlichen bestand die Arbeit der sog. Kirchenväterkommission darin, über Auswahl und Vergabe von Editionsaufgaben an freie Mitarbeiter, über Richtlinien für den weiteren Fortgang des Projektes und über die Zuweisung von zunächst sehr beschränkt zur Verfügung stehenden Mitteln zu entscheiden. Es war gewünscht, dass sich die Mitglieder beim Korrekturlesen beteiligen und Gutachten erstellen. In einzelnen Fällen haben manche auch selbst Editionen gemacht, aber das war zumal in den Anfangsjahren nicht die Regel. Die bemerkenswerteste Ausnahme stellt Mommsen selbst dar, der Rufins lateinische Übersetzung und Fortführung der Kirchengeschichte des Eusebius edierte – Mommsens letzte Edition - und darauf bestand, dass diese Version in einer Simultanausgabe neben die Edition des griechischen Textes von Eduard Schwartz gesetzt werde (GCS 9,1-3, 1903. 1908f = ND GCS NF. 6,1-3, 1999). Wie Harnack in einem Rechenschaftsbericht 1916 angab, war die Reihe „Die Griechischen Christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahrhunderte“ auf etwa 54 Bände berechnet, bis zu Harnacks Tod 1930 waren 37 Bände erschienen.


Hans Lietzmann. Brustbild aus den Wissenschaftlichen Sammlungen an der Humboldt-Universität zu Berlin

Hans Lietzmann. Brustbild aus den Wissenschaftlichen Sammlungen an der Humboldt-Universität zu Berlin

Hans-Lietzmann-Vorlesung

Der Philologe und Religionswissenschaftler Hans Lietzmann (1875-1942) war Nachfolger Adolf von Harnacks als Leiter des Unternehmens „Griechische Christliche Schriftsteller“. Zum Gedächtnis an ihn findet seit 1994 eine jährliche öffentliche Abendvorlesung statt, welche zentrale Themen der antiken Religionsgeschichte mit Bedeutung für die Gegenwart behandelt. Schriftliche Fassungen dieser Vorträge werden vom Verlag De Gruyter in der Reihe „Hans-Lietzmann-Vorlesungen“ http://www.degruyter.com/view/serial/16148 veröffentlicht.